Die Gegend (Natur) rund um Idar-Oberstein


Gedanken zu meiner Heimatstadt Idar-Oberstein und zu der Natur, die sie umgibt: Die Stadt liegt an der Oberen Nahe, dort wo Hunsrück und Pfalz sich begegnen und das Saarland nicht weit ist.



Die Pfalz an der Oberen Nahe

 

Eigentlich müsste ich die angrenzende Pfalz als Naherholungsgebiet genauso gut kennen wie den Hunsrück, wenn man dort nicht vor vielen Jahrzehnten einen Truppemübungsplatz angelegt hätte, der schon meinen Vorfahren den Eintritt in ihre Natur verwehrte. So wurde ich gezwungen, mich zur Naherholung nach Norden in den Hunsrück zu orientieren. Dörfer, die nach Planung mitten im Truppenübungsplatz lagen, mussten sogar ganz geräumt werden, ihre Bewohner wurden enteignet und in den umliegenden Orten angesiedelt. Dort konnten sie dann aus der Ferne verfolgen, wie ihre Dörfer zu Übungszwecken zielstrebig zerstört wurden.

 

Ursprünglich wurde der Truppemübungsplatz Baumholder (so der offizielle Name) vom deutschen Militär angelegt, dann von den Amerikanern und nun wieder auch vom deutschen Militär genutzt. Die ganze Angelegenheit wurde über die Köpfe der Bevölkerung hinweg in Berlin, Bonn und Mainz - also in der höheren Politik - entschieden. Die Einheimischen hatten sich zu fügen. Auch heute noch endet dann schon mal in den angrenzenden Dörfern ein Spazierweg nach ein paar hundert Metern mit einem Verbotsschild.

 


Der Hunsrück an der Oberen Nahe

Ob mit oder ohne Auto, wir Einheimischen lieben den Wald und die "Geeschend" und teilen sie gerne mit Besuchern, die sie auch zu schätzen wissen. Wir nutzen den Wald seit Jahrhunderten. Zuerst als eingewanderte Neusiedler, die den Wald rodeten und Dörfer aufbauten, um hier ihr Überleben zu sichern und kärglich von der Scholle zu leben. Und einzeln oder kollektiv wurde der Wald dann auch in privater oder öffentlicher Forstwirtschaft genutzt (Dörfer mit eigenem Wald, Adlige, Großgrundbesitzer und Staatsforst). Heute nutzt die Mehrheit der Einheimischen die "Geeschend" zur Erholung, Fitness und Rückbesinnung. Und zunehmend als Lebensgrundlage durch Tourismus und Gastronomie.

 

Es hat sich nämlich gezeigt, dass genau die Tatsache, dass der ärmliche Hunsrück vergessen wurde und auch nie die großen Reichtümer hervorbrachte (keine fetten Böden für die Bauern, an den Rändern zu Nahe und Mosel steile, unbebaubare Berghänge, fehlende Infrastruktur, kein schiffbarer Fluss, keine reichen Erze, keine Diamant- oder Erdölfunde) dazu führte, dass die Natur sich hier noch wesentlich wilder und romantischer erhalten hat. Auch wenn der Hunsrücker sicher immer seine Heimat geliebt hat, ist der gut erhaltene natürliche Reichtum der Natur nicht diesem Umstand zu verdanken sondern genau dieser wirtschaftlichen Benachteiligung.

 

Unsere Vorfahren haben uns noch darin unterwiesen, wie man so mit der Natur umgeht, dass die Tiere nicht gestört werden. Als erstes Gebot durfte im Wald kein Lärm gemacht werden, denn die Tiere schlafen tagsüber, sagte mein Vater. Wenn wir uns auf dem Familienausflug im Verband über die Waldwege wälzten, sollten wir uns möglichst leise oder flüsternd unterhalten (genau wie auf den Friedhöfen). Natrürlich war das nicht einfach und ließ sich nicht durchhalten. Wenn wir Pilze sammelten (und das war meine und meines Vaters Leidenschaft), dann musste man die Pilze abdrehen und mit dem Fingernagel abtrennen, um das Myzel unverseht zu lassen - für die nächste Ernte oder für das nächste Jahr. Wir sollten die ganz kleinen und die überreifen Pilze stehen lassen und keinesfalls zerstören. Auch keine uns unbekannten Pilze mitnehmen oder zertrampeln. Mein Vater sagte dann immer: Auch wenn du sie nicht kennst und deshalb nicht isst, mag es doch bessere Pilzkenner geben, denen du sie nicht wegnehmen darfst. Und die Tiere mögen sie vielleicht auch fressen. Nur die reifen Boviste machten eine Ausnahme, auf die durften wir draufstampfen bis es dampfte.

 

Dass man keinen Müll im Wald hinterlässt, war selbstverständlich. Mein Vater schnitt sich auch seine Lieblingswege selber frei. Er sagte, es gäbe ein Wegerecht, das müsse man auch wahrnehmen. Sei der Weg erst mal zugewachsen, hätte man das öffentliche Recht auf diesen Weg verwirkt. Der wäre dann auch für alle Zukunft und für andere Menschen verloren. Ob das stimmt und seine Rechtsauslegung immer noch Bestand hat, habe ich nie überprüft. Heute ist der kleine Verbindungsweg vorbei an meinem Elternhaus zugewachsen und unpassierbar. Und damit als Abkürzung für alle Fußgänger tatsächlich verloren. Mit meinem Eltern und Großeltern lernten wir viele Wege  kennen und lieben. Am wichtigsten sind diejenigen, die man direkt zu Fuß erreichen kann, das lernte ich bald. Denn wir hatten lange kein Auto. Es mag auch wieder eine Zeit kommen, wo nicht jeder sich ein Auto leisten kann. Und es leben immer auch Menschen unter uns, bei denen das jetzt schon so ist.

 

Ein Feuerstelle musste mit Steinen umlegt und durfte nur auf einem freien Platz angelegt werden, so dass keine Feuerzunge und die Hitze drüber in eine Baumkrone reichte. Doch selbstverständlich lernten wir auch Feuermachen. Dass ich darum kämpfen musste es zu lernen, hatte mehr damit zu tun, dass ich ein Mädchen war und Vater da so seine eigenen Ansichten hegte. Die Asche musste möglichst gelöscht und vergraben werden. Und dass man bei Trockenheit besser überhaupt kein Feuer machte, war selbstverständlich. Erst als ich in Mainz und Berlin lebte, stellte ich erstaunt fest, dass die Stadtbewohner kein Feuer machen durften, selbst im Garten nicht! Da erst erkannte ich, wie wichtig und einmalig diese Feuermacherei in meiner Heimat ist. Wahrscheinlich verdanken wir dem Spießbraten und den Walpurgisnachthaufen, dass es hierzulande besonders viele Feuerstellen gibt und offenes Feuer in den Mietverträgen und öffentlichen Ordnungen noch nicht überall verboten ist, auch wenn die Reglementierungen sicher zugenommen haben. Und ein paar städtische Feuerplätze für die Walpurgisnacht sind leider genauso wegefallen wie so manche Abkürzung. Die Großstädter dagegen waren schon so an die Bevormundung aus Sicherheitsgründen gewöhnt, dass sie es sich erst wieder von den Gastarbeiterfamilien abgucken mussten, dass man in großen Gruppen in den Stadtpark ziehen und zusammen grillen kann. Heute kehren die offenen Feuerstellen wieder in unsere Häuser zurück: Als Kamin, Bulleröfen oder Pelletheizung.

 

Selbst die Luft meiner Heimat ist mittlerweile so begehrt, dass die Landesregierung im fernen Mainz gerne die Windrädchen flächendeckend aufstellen wollte. Ihr Plan ging nicht überall auf. Manchmal nistete dort ein Milan, und Naturschutz gehr vor. Ein Milan ist selten. Ob ein Mensch dagegen in der Nähe nistet, spielt keine Rolle, denn Menschen gibt es wie Sand am Meer. Wenn es einem Menschen nahe dem stromerzeugenden Kraftwerk nicht gefällt, kann er ja umziehen. In die Städte zum Beispiel. Das kann der arme Milan nämlich nicht. Und natürlich brauchte man zur Durchsetzung solch einer fortschrittlichen Technik auch große Konzerne. Dass sich Dörfer zusammentun und ein Windrad in Eigenregie dezentral und selbstversorgend bauen und betreiben und damit der Strom sozusagen wie die Kirche im Dorf bleibt, auf die Idee kam man gar nicht.


Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Nachdem ich im Sommer 2018 genügend Drachen gefilzt und Bücher geschrieben hatte und endlich auch aus meinem privaten Dauerstress heraustreten konnte, stellte ich fest: Ich bin eine Freundin des Nationalparks Hunsrück Hochwald. Wenn ich meine nun frei gewordene Zeit also einem Verein widme, dann trete ich doch am besten diesem Verein bei: Dem Verein der Freunde und Förderer des Nationalparks Hunsrück Hochwald. Gesagt, getan. Da versuche ich mich nun gerade nützlich zu machen.

 

Ich liebe dieses Fleckchen Erde wie kein anderes. Als der Sturm 'Wiebke' eine Schneise durch die Wälder schlug, musste ich weinen, als ich das Ergebnis sah. Doch es war natürlich und gut, denn so entstanden klein-klimatische Orte mit Chancen für die bisher zurückgedrängte Flora und Fauna. Das feuchte Waldklima ist mir trotzdem lieber als dieses trocken-staubige, besonders heiße oder besonders kalte Klima, was man noch lange in den Wiebke-Lichtungen vorfand. Leben ist Veränderung. Nichts bleibt wie es ist.

 

Nicht nur mit den Windrädern sondern mit der Natur selbst und mit den gefallenen Immobilienpreisen ist meine Heimat plötzlich in das Interesse weit entfernt lebender Menschen, Länder, Bürokratien und Konzerne gerückt. Am liebsten würde ich deshalb sogar Natur und Mensch hier unter besonderen Artenschutz stellen. Als ein Reservat oder als ein gallisches Dorf, das die Römer auch mal einfach spinnen lässt. Doch weil ich wie dieser General aus dem ganz alten China der Auffassung bin "in Wahrheit siegt, wer nicht kämpft", wird es vielleicht doch ganz anders laufen. Mir fehlt dann einfach auch der Zaubertrank, um die "Geeschend" vor einer freundlichen oder feindlichen Übernahme zu schützen. Daher lege ich zumindest die Geschicke des von mir geliebten Waldes gerne in die Hände der engagierten Nationalparkverwaltung und hoffe, dass es uns allen auch weiterhin gut gehen wird.


Das Saarland ist näher gerückt

Die regionalen Grenzen haben dazu geführt, dass die Menschen des saarländischen und des rheinland-pfälzischen Teils des Hunsrücks sich immer schon eher voneinander weg orientiert haben, hin zu den größeren Städten ihres eigenen Landes, die einen nach Saarbrücken und die anderen nach Mainz, Kaiserslautern, Trier und Koblenz. Die ganze Region hat so die Chance verpasst, mit der Stadt Idar-Oberstein als Mittelpunkt und vielen kleineren Städten um sie herum eine florierende Wirtschaftsgemeinschaft zu entwickeln. Gemeinsam ist man stark. Wenn man sich trennen lässt, bleibt man abgehängt.

 

Mit der Gründung des Nationalparks Hunsrück Hochwald passierte nun etwas Großartiges: Das Land Rheinland-Pfalz und das Saarland haben diesen Nationalpark länderübergreifend erschaffen. Es bleibt nun der Ausgestaltung der Menschen und örtlichen Vereine und Politiker überlassen, wie sie dies weiter entwickeln: Wird mit dem Nationalpark eher eine weitere regionale Trennung erschaffen, eine Trennung, wie sie die Bevölkerung schon zur Pfalz hin mit dem Truppenübungsplatz erfahren hat, oder wachsen durch den Nationalpark die Anrainergemeinden stärker zusammen. Und kommen damit auch die Saarländer uns wieder näher... 

 

Das jährlich stattfindende Nationalparkfest, das vom Verein der Freunde des Nationalparks in Zusammenarbeit mit einer jeweils anderen Nationalparkgemeinde ausgerichtet und das von vielen Bürgern, Initiativen und Vereinen mitgetragen wird, hat jedenfalls das Potential dazu.